Die Seite der Fragen an das Leben
                         Die Seite der Suche nach Antworten
                                           Wer fragt, der weiß schon was
                                                         Jede Antwort hat neue Fragen im Gepäck

 

Prof. Dr. Annelie Keil (Bremen)
Bremer Bürgerschaft, 16.8.2017
Eröffnung der Karikaturen- Ausstellung  „ Auf Leben und Tod“
Karikaturen zu Sterben. Tod und Trauer- Ausstellung in der Bremer Bürgerschaft
Eiunführung in die Ausstellung von Annelie Keil

Auf Leben und Tod

„Das Leben hört nicht auf, lustig zu sein,
wenn Menschen sterben.
Ebenso bleibt es ernst,
wenn Menschen lachen.“
(George Bernhard Shaw)

Karikaturen zeichnen und schreiben vom Leben ab. Nichts, was wir in ihnen entdecken, ist im eigentlichen Sinn erfunden, sondern wurde  im sogenannten wahren Leben gefunden, aufgespießt, zerlegt, gedeutet  und auf spezifische Weise zur erneuten Verdauung auf dem Tisch des Hauses serviert. Karikaturen sind „ Auf Tod und Leben“  aus. Sie überspitzen und untertreiben, sind liebevoll und gemein, kommen genau auf den Punkt oder liegen haarscharf daneben, sind radikal subjektiv und umwerfend objektiv, weil das Besondere und Außergewöhnliche in Zeichnung und Wort uns emotional etwas spiegelt, das wir alle kennen. Genau das bringt uns zum Lachen.

Wenn die Alte mit Rollator und kläffendem Hund die Gräber ihrer Ehemänner Erwin, Karl und Heinz verlässt und die Sprechblase ihren Gedanken verrät: „Einer geht noch!“ kommt Bewegung in den Friedhofsbesuch.

Was ist Trauer? Wie lange muss man? Was darf man? Die Ansichten, wie man sich zu verhalten habe, sind durchaus unterschiedlich. Sätze wie „ Das Leben geht weiter!“ mögen gut gemeint sein, können aber nicht trösten und sagen nichts dazu, wie es denn weitergeht. Gerade das ist das Problem,  weil das Leben eben nicht mehr so weiter geht, wie es war. Es gibt keine Regeln, was ein trauernder Mensch „ tun muss“ und Trauernde haben Angst vor sich selbst und anderen, dass sie etwas falsch machen. Das meiste spielt sich hinter verschlossenen Türen ab und bleibt dem weinenden oder lachenden Auge verborgen. Ein Bericht.
Die Ehefrau von David ist gestorben. Auch David ist nicht mehr der Jüngste und trauert, gemeinsam mit seinem Sohn. Nach einigen Tagen sieht sein Sohn, wie sein Vater sich nachts in das Zimmer des Dienstmädchens schleicht. Am nächsten Morgen stellt er seinen Vater zur Rede, wie er das tun könne, schließlich sei die Mutter erst gerade begraben worden. Darauf antwortet David: Weiß ich, was ich alles in meinem Schmerz tu?“

Marie Luise Kaschnitz erzählt eine wunderbare Geschichte von Adam und Eva. Sie sind aus dem Paradiesgarten vertrieben und alt geworden – und müssen sich nun ihrer Sterblichkeit und der Vergänglichkeit ihrer Arbeit stellen:
„Wir müssen sterben! …
Große Neuigkeit, sagte Eva spöttisch, das weiß ich schon lang.
Hast du dir keine Gedanken gemacht, fragte Adam,
was wir hier zurücklassen, ist unfertig und keinen Pfifferling wert.
Jemand wird es schon fertig machen, sagte Eva….
Und was wird aus uns, fragte Adam…
Wir bleiben zusammen, sagte Eva,
wir gehen zurück in den Garten….
Ist er denn noch da? fragte Adam
Gewiss, sagte Eva…“

Nicht immer ist man sich über den gemeinsamen Weg so einig. Auch in den Karikaturen sind es meistens die Frauen, wenn es um die Gefühle geht, vor allem um die, die vorher nicht zur Sprache kamen, weil er mit den „ Gefühlskisten“  nichts am Hut hatte.,

Auf eine der Karikaturen dieser Ausstellung sehen sie später ein altes  Ehepaar, das müde und einander überdrüssig geworden ist. Sie will endlich den Abschied und droht:  
Wenn du nicht bald stirbst, lass ich mich scheiden
Was schlimmer für die beiden ist, lässt sich nicht sagen.

Eine Witwe steht mit Gießkanne und Blümchen am Grab ihres Mannes und sagt erleichtert und begeistert:
Seit du tot bist, hat unsere Beziehung irgendwie total gewonnen

Anders die Unterhaltung zwischen zwei Witwen am Grab über das Ableben eines der Ehemänner:
Gerade als ihm die Gesundheitskasse die neue Gesundheitskarte schickte“, weint die eine. Und erschüttert fragt die andere: „ Und an welcher Gesundheit ist er gestorben?

Ein altes Ehepaar lesend im Bett
Der Ehemann: „ Hier steht, dass Frauen statistisch etwa sieben Jahre länger leben, warum? Die Ehefrau: „ Vielleicht wollen sie sich noch ein paar schöne Tage machen!

Computer ist sein Leben. Auch im Rollstuhl lebt er mit PC
Seine sorgende  Ehefrau: Wenn du mal hirntot bist, lass sich dir einfach dieses Google einpflanzen

Karikaturen konfrontieren uns auf aushaltbare Weise mit dem Wahnsinn der Normalität und lassen uns glauben, dass nur Andere auf diesen Wahnsinn hereinfallen oder schon in den geschlossenen Stationen der Anstalten des öffentlichen Rechts einsitzen, während wir selbst  alles durchsauen, unverdächtig erscheinen  und noch frei herumlaufen. Wenn ich mich in der Welt umschaue, frage ich mich seit langem, warum manche in psychiatrische Anstalten einsitzen und andere noch  frei herumlaufen, um dem Wahnsinn zu huldigen.

Wir alle kennen diesen Wahnsinn der Normalität, teilen  und fördern ihn. Wer am Arbeitsplatz, in Bus und Bahn, an der roten Ampel oder beim Stadtamt lächelt, ist verdächtig und wahrscheinlich nicht alles Tassen im Schrank. Wer niest, macht auf sich aufmerksam. Ohne dass eine Frage gestellt wurde, ruft irgendjemand prompt die aufmunternde Antwort: „Gesundheit“. Und wenn man als multimorbider Patient Pech hat gleich hinterher:  „Hauptsache gesund“ Das Leben selbst ist nicht so wichtig, es wird zunehmend zu einer Nebenwirkung der Gesundheit! Dem Werbespruch folgend aber soll man Risiken und Nebenwirkungen zum Arzt und Apotheker tragen! Die Frage auf der Karikatur: Und an welcher Gesundheit ist er gestorben? bringt es auf den Punkt.
Das ganze Leben erscheint vor allem gegen Ende seiner Veranstaltung als ständige  „Insolvenzveranstaltung“, in der ein Defizit den nächsten Verlust jagt: Gebrechlichkeit, Armut, Krankheit, Verlust an Autonomie und Selbständigkeit, Kontrollverlust über Haare,  Ohren,  Augen, Blase und womöglich auch noch das eigene Gedächtnis. Zwischendrin verliert man die Erwerbsarbeit, die Kinder, die Lebensabschnittsgefährten und muss überlegen, ob nach Erwin, Karl und Heinz noch ein Otto geht oder man lieber das Zimmermädchen besucht. Warum wollen so viele Menschen eigentlich so alt werden?
Es scheint eben doch nur die halbe Wahrheit zu sein und Altwerden lohn sich doch

Eine alte Frau kommt in ein Reiseunternehmen.
„Eine Kaffeefahrt“  sagt sie. „Mit oder ohne Einäscherung?
fragt der Anbieter

Ein altes Ehepaar im Bett:
Aber Sterbehilfe ist doch verboten, ruft er. Ach,… ich lasse es wie einen Mord aussehen“ antwortet sie und mixt den tödlichen Trank

Arztpraxis, Überbringung schlechter Botschaft
Der Arzt: „ Tja, ehrlich gesagt… Sie haben nur noch 2 Monate zu leben! Patient: Ich bin Pessimist. Wahrscheinlich werden`s doch 3 oder 4

Patient liegt auf Intensiv, angeschlossen an Messgeräte, umgeben von  Sauerstoffflaschen, Kamera, elektrische Wärmflasche. Ein älterer Herr mit Fliege und Aktentasche betritt das Zimmer:
Guten Tag, ich bin ihr Energieberater

Eine Frau kommt zum Sarghändler und sucht einen Sarg. Freundlich klärt der Händler auf:
Wir nennen es nicht mehr Sarg, gnä Frau. Es heißt jetzt „ Silver Ager box“

Auf einem großen Friedhof liegen zwei Grabsteine nebeneinander und denken über ihr Leben und ihre Aufgabe nach. Sagt der eine zum anderen: Ich glaube, wir sind gar keine Grabsteine, sondern Meilensteine an einem Weg, der weiterführt.
 
Recht hat das Steingehirn. Wohin der Weg führt, steht da nicht, denn Meilensteine sind keine Wegweiser, sie stehen am Rand des Lebensweges.

Auf einem Berliner Friedhof hat ein homosexueller Mann mit seinem Grabspruch etwas über einen der Meilensteine in seinem vergangenen Leben hinterlassen.  
Das Ende des Schweins ist der Anfang der Wurst
Das war seine Antwort auf die Beschimpfung „ schwule Sau“

Was wir Kindermund nennen und oft als Lacher abhaken, sind für mich oft kleine philosophische Beiträge zum Thema der Ausstellung  „Auf Tod und Leben“. In der Suche nach Antworten, was Leben, Sterben und Tod, Alter, Liebe oder Glück für sie persönlich bedeuten,  schreiben und zeichnen Kinder kleine Gedichte, Cartoons und Karikaturen, die vielfach eine Tiefenschärfe haben, die wir als Erwachsene nicht mehr erreichen. Kinder sind Weltneulinge und Philosophen. Aus dem Religionsunterricht einer 5. Klasse stammen diese Überlegungen zu unserem Thema:

Das Leben ist schön, der Tod muss sein
Ich freue mich aufs Leben, also auch auf den Tod
Ich habe Angst zum Sterben und Mut zum Auferstehen
Lachen vergeht mit Weinen
Mein Weinen vergeht durch Lachen
Manchmal fühle ich mich wie Gott, manchmal aber wie ein Bettler
Ich bin traurig, aber fröhlich, wenn du mich umarmst

Mehr wie eine Karikatur mit ihrem Wahrheitsgehalt fühlen sich die folgenden Gedanken von Kindern einer Grundschule zu den Themen
Alter, Sterben, den Nutzen des Todes und das Leben danach an

  • Wenn du wiedergeboren wirst, kannst du dir nicht aussuchen als was, Prinzessin, Pinguin oder Regenwurm
  • Wer nicht getauft ist, kommt nicht in den Himmel. Außer er hält sich besonders gut an die zehn Gebote
  • Auf dem Friedhof liegen die Gestorbenen. Auch andere Menschen finden da die letzte Ruhe
  • Schön, dass Oma und Opa zusammen im Grab liegen. Da können sie sich wenigstens mal unterhalten
  • Was machen eigentlich die gestorbenen Menschen auf den Wolken, wenn die ausregnen?
  • Die Polizei hat auch Hubschrauber falls mal im Himmel was passiert
  • Ich will später nicht heiraten. Ich will lieber Witwe werden
  • Erwachsen ist man ungefähr mit hundert.  
  • Rentner wäre ich auch gern. Nur das ewige Spazierengehen würde mich nerven

Todesanzeigen
Anzeige im Weserkurier

Wir trauern um:
Frieda Schütz
1936-2010
Feministin von Geburt
Antirassistin aus Liebe
Kommunistin durch Erfahrung

Anstelle von Kränzen wünscht sich Frieda eine Spende
an Pro Asyl

Das Ende. Schwarz  auf weiß gedruckt.
Wir treffen uns zur Beerdigung am Freitag
In der Kapelle des Friedhofes
steht da auch noch.

Sie ist nur drei Jahre älter, denke ich.
Durch die Jahreszahlen haben Todesanzeigen eine merkwürdige Anziehungskraft. Der eigene Jahrgang schon dran? Wie lange noch?
Wie jung sind die Verstorbenen? Wie alt? War Krankheit im Spiel?
Morgenlektüre der Zeitung, der demographische Blick,
Anmahnung der Endlichkeit. Solange der eigene Namen da nicht steht, machen wir einfach so weiter wie bisher,
bis zum letzten Umzug

Ich bin umgezogen
Roland J
(1950-2006)

Meine neue Adresse ist:
Friedhof Rehalp Zürich
Urnen-Reihengrab 4276
Über Besuche freue ich mich

„Das Leben nur ein Moment, der Tod ein anderer“, heißt es bei Schiller. Von einem Augenblick, der Leben heißt, zu jenem anderen
ist nichts mehr wie vorher. Auf einmal ist er da, der Tod.
Mitten in der Nacht wie der Schlaf, still und leise  in der Krankheit und auch ohne sie, unverhofft, befürchtet, manchmal herbeigefleht
mit und ohne Ankündigung, Er betritt den Raum, der Leben heißt.
Als Sensenmann, als Seelenvogel auf einem Bein, als großer Engel.
Mitten im Leben, immer zu früh, ab durch die Mitte, back to the roots. Die Plötzlichkeit des Todes und die Überraschung der Menschen,  nehmen viele Karikaturen und Witze aufs Korn. Klingelt ein kleiner Sensenmann an der Haustür. Der Herr des Hauses öffnet und schaut erschrocken auf den kleinen Tod. Der tröstet und sagt: Keine Angst, heute komme ich nur wegen dem Hamster!  Die, die zurückbleiben, suchen nach Worten. Im Hospiz sagt ein Sterbender zu seinen Angehörigen: Kommt nur näher, ich bilde euch jetzt zu Hinterbliebenen aus.

Nie gekämpft, im Strom des Lebens getrieben,
darin untergegangen. Aus die Maus.“  Heißt es zu Elmar L.

„Beherzt wie eine Briefmarke ging er seines Wegs“  ruft
ein Freund Rolf S hinterher.

„ Der Herr hat einen Steinhäger zu sich genommen“,  so nimmt Axel S. in Liebe von Kurt S, geboren in Steinhagen, Abschied.

„ Wer nicht stirbt- hat nie gelebt“ heißt es beim Tod vom Bäckermeister Heinz K

„Ein Gänseblümchen macht nun für immer Bubu. Waltraud N
hat ihren Platz auf einer grünen Wiese gefunden“ trauert ein Ehemann.

„ Otto H. Er starb wie gewünscht im Neckarstadion“  und
Irmgard bleibt mit Nina und Gary zurück und gibt in liebevoller Erinnerung bekannt: Friedel F. Er lebte nur eine Halbzeit… für uns ist die zweite Halbzeit, als spiele man nur mit halber Mannschaft.“

Gertraud R und der Berner Sennhund Simba verabschieden sich von Freiherr Eberhard G: „Nach einer entwicklungsreichen Ehe-Partnerschaft ist meine große, geistige und spirituelle Liebe durch Gottes Gnade und einen leichten Tod in die jenseitige Welt gegangen.“

„ Er hat den Besen weggestellt“, schreiben die Kollegen zum Tod von Karl R, der  für die Reinigung im Kaufhaus Woolworth zuständig war, beim Antik-Uhrenmacher Werner E heißt es von der trauernden Familie „ Sein Herz ist stillgestanden- doch seine Uhren ticken weiter“  und bei  Josef H, der 82 Jahre alt wurde, heißt es: Wie im Leben- Oma rief- Opa kam.“

Das Leben hört nicht auf lustig zu sein, wenn Menschen sterben und die Sterbenden selbst tragen des immer wieder auch mit viel Humor, wie uns die Berichte und Erzählungen  aus Hospizen, Palliativstationen und von Angehörigen zeigen. „Am Ende ist nicht Schluss mit lustig. Humor angesichts von Sterben und Tod“, heißt ein Buch von Harald- Alexander Korp und beginnt mit folgender Geschichte:

Arzt und Krankenschwester stehen mit ernstem Gesicht am Bett meiner Mutter, die nur noch flach atmet. Ich befürchte das Schlimmste. Plötzlich schlägt meine Mutter die Augen auf, blickt uns verdutzt an und fragt:“ Kann man den Tod auch abbestellen?“ Sie schmunzelt und wir können nicht anders, als berührt zu lachen. Im Heim für betreutes Wohnen muss man, was man haben will, bestellen- und wenn man es nicht will, eben abbestellen. Warum also nicht auch den Tod abbestellen? Sie lächelt mich an und gibt Anweisung, ich solle ihr erst einmal einen starken Kaffee holen. Ich lache- und sie lacht mit.

Kleine hilfreiche Inseln des Aufatmens im Meer des Leidens, des Abschiedsschmerzes, auch der Erlösung, die auf allen Seiten eintreten kann. Wir dürfen in der Nähe des Todes Freude empfinden, können den Wechsel von Freude und Trauer annehmen. Humor bedeutet mehr als lustig sein. Er wirkt dem Zwang zur Perfektion entgegen, hilft uns, die Dinge so zu nehmen wie sie sind, hilft gegen Hilflosigkeit und ist
nicht nur im Pflegealltag und des Umgangs mit Sterben und Tod ein Rückhalt. Humor ermöglicht Distanz! „ Nichts lässt den Patienten sich mehr von sich selbst distanzieren als der Humor“, schreibt Viktor Frankl. Manchmal ist  der Humor, der hilft, auch schwarz.

Patient zum Arzt:
Ich kann mich nicht zwischen Operation und Sterben entscheiden.
Arzt: Mit ein bisschen Glück können Sie beides haben.

Im Hospiz begrüßt eine demenzkranke Frau den Palliativarzt mit den Worten: Guten Tag,  Herr Pastor.!
Der Arzt ist einigermaßen überrascht und antwortet: Guten Tag, Frau Müller, eigentlich bin ich hier der Arzt. „ Alle Achtung“, antwortet darauf die Bewohnerin, „ sind Sie aber vielseitig“

Humor ist gesunder Menschenverstand, der tanzt- eine schöne Definition. Tanzen Sie jetzt mit Herz und Verstand durch die

Vom 23.-28. Juni 2017 habe ich am Kirchentag teilgenommen und bin sehr " beseelt"  zurückgekommen. Nicht nur das  durchaus auch widersprüchliche Gespräch zwischen Barack Obama und Angela Merkel über die Zukunft der Demokratie hat mich berührt, sondern die offene, nachdenkliche wie fröhliche Stimmung der über 100.000 Besucher und Besucherinnen, vor allemder vielen jungen Menschen, die sich in vielen Veranstaltungen zusammenfanden, um gemeinsam nachzudenken. Ich habe selbst in zwei Veranstaltungen zum Thema " Das Sterben und den Abschied leben lernen" und zum Thema " Lebenswandel- Glaubenswandel" mitgewirkt,Impulse geben und andere bekommen können. Hier einer der zusammenfassenden Berichte vom ZDF, in der auch die genannte Veranstaltung
kurz zu Wort kommt.

Was siehst Du? Der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag in Berlin und Wittenberg

Zweitausendsiebzehn!
Zum Neuen Jahr wünsche ich uns allen Mut, Zuversicht und jene Liebe zum Leben,
die es braucht, um immer wieder neu auf brüchigem Boden Land zu gewinnen.
„ Dass wir miteinander sprechen können, macht uns zu Menschen“,
hat der Philosoph Karl Jaspers einst geschrieben.
Dass diese Fähigkeit und Kraft verloren gehen könnte,
fürchte ich im Angesicht der politischen und anderen würdelosen Pöbeleien,
der Respektlosigkeit und Feindlichkeit im öffentlichen Dialog, die als Stimme des Volkes erscheinen soll.
Wir müssen ein anderes Gesicht zeigen und uns einmischen,
das Streit- Gespräch besser lernen und den praktizierbaren Frieden suchen.

Stephan Wahl hat  wunderbare  Worte gefunden,
um dieser  Hoffnung Ausdruck zu verleihen.

Neujahrswünsche 2017

mögen manche worte weniger
schnell gezückt
sich in die herzen bohren

die unüberlegt repitierenden
die vorschnell gezückten
die mutwillig-bösartigen

und sie nicht vergiften
die herzen

mögen mehr worte
gut bedacht
sich in die herzen senken

differenzierend
ohne applaus
unspektakulär wahr

und sie ermutigen
die herzen

mögen starke worte
sanft formuliert
von herzen kommen

couragiert
barmherzig
kostbar-heilend

und sie verbinden
die herzen

möge das neue jahr
überraschen
gut überraschen

unsere herzen

(Stephan Wahl)

SAMSTAG, 05. NOVEMBER 2016
WIRTSCHAFT
Die Rache der „Erbärmlichen“

Das rurale Amerika hat es satt, von den städtischen Eliten herablassend und mit Hohn behandelt zu werden. Darum ist klar, wie die Wahl der Menschen auf dem Land ausfallen wird. Von Winand von Petersdorff

Wer die Stadt Washington, Amerikas Metropole mit dem höchsten Anteil an Sympathisanten der Demokratischen Partei, hinter sich lässt und Richtung Süden fährt, macht sehr bald eine interessante Erfahrung. Die Hillary-Plakate fehlen. Kein Poster, kein Banner, kein Schild erinnert im ruralen Teil Virginias mehr daran, dass sich auch Hillary Clinton zur Wahl stellt, um Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. Dafür hängt an Weidezäunen und Straßenlaternen alle paar Kilometer Wahlwerbung für Donald Trump. Das gleiche Erlebnis teilen Amerikaner, wenn sie die Stadtgrenzen von Philadelphia, Denver oder Chicago hinter sich lassen.

Könnte Landschaft wählen, Donald Trump würde unweigerlich ins Weiße Haus einziehen. Die digitalen Landkarten, die Wahlforscher im Fernsehen präsentieren, bestätigen diesen Eindruck. Die urbanen Gebiete um New York, Boston, Philadelphia, Washington, San Francisco, Denver, Atlanta, Charlotte und Los Angeles sind im Blau der Demokraten gefärbt, je blauer, je dichter am Zentrum der Stadt. Doch auf dem Land regiert das Rot der Republikaner. Und die ganze Landkarte sieht aus wie ein roter Ozean mit ein paar blauen Inseln.

Jott-we-de ist Trumpland. Weiße Trump-Anhänger und weiße Clinton-Anhänger unterscheiden sich am stärksten in drei Kriterien: In der Frequenz des Kirchenbesuchs, in den erreichten Bildungsabschlüssen und darin, ob sie auf dem Lande wohnen oder in urbanen Zentren. Clintons Freunde sind tendenziell weniger fromm, haben eher einen Hochschulabschluss und wohnen in der Großstadt.

In Washingtons gehobenem Stadtteil Palisades (wo der Autor lebt) sind Trump-Anhänger so selten wie exotische Tiere. Eine Frau im Glitzerfrack, die beim traditionellen Umzug des Nationalfeiertags am 4. Juli mitmarschierend für Trump Werbung machte, erntete Erstaunen, Hohn, Sprüche und auch eine gewisse Anerkennung für den Bekennermut im Feindesland. In Gesprächen stellte sich heraus, dass die Frau von außerhalb war. Das wirkte beruhigend. Als aber im Garten eines Hauses an einer stark frequentierten Durchgangstraße ein Werbeschild für Trump auftauchte, war das tagelang ein Gesprächsthema im ganzen Viertel: Wer macht denn so was? Und wie kommt ein Mensch, der so denkt, in unser Viertel. Die Hillary-Schilder, die in nicht wenige Vorgärten verpflanzt worden waren, bedurften keiner Erwähnung, sie waren kulturell bestens integriert. Später erschütterte noch ein weiteres Ereignis die Bewohner der Palisades bis ins Mark. Ein Mann aus West-Virginia hatte mitten im Viertel in einem Wäldchen nahe des Spielplatzes einen Hirsch erschossen mit einer Handfeuerwaffe. Das Entsetzen über diese Tat vibrierte förmlich durch den Nachbarschafts-E-Mail-Verteiler. Der Mann wurde unter großer Zustimmung der Bevölkerung abgeführt und später wegen fünf verschiedener Vergehen angeklagt, darunter Tierquälerei und unerlaubter Waffenbesitz. Er kommt aus einem 700-Seelen Dorf in West-Virginia knapp zwei Stunden von Washington entfernt.

Diese geographische Distanz ist leichter zu überwinden als die soziokulturelle Kluft zwischen den Leuten vom Land und den Großstädtern. Ein echter Differenzierungspunkt ist die Jagd. Ein Reporter der britischen Zeitung „Guardian“ interviewte neulich eine Frau, die mit ihren vier Mädchen auf einem Bauernhof in Maryland lebt. Alle Familienmitglieder gingen regelmäßig auf Jagd, damit genügend Essen auf dem Tisch kam. Es war eine Frage des Lebensstils und der wirtschaftlichen Haushaltsführung. Dass Leute im Amerika fürs tägliche Bot jagen und fischen, ist wohlhabenden amerikanischen Großstädtern nicht eingängig. Die jagenden Frauen von Maryland, so fand der britische Reporter heraus, wählen Donald Trump.

Es ist ein weiter Weg vom ruralen Maryland zu Cipriani, dem Edelitaliener an der New Yorker Wall Street. Dort war kürzlich eine Spendensammlung für Hillary Clinton veranstaltet worden, Barbara Streisand sang, die limitierten Tickets kosteten zwischen 2500 und 25000 Dollar, und die Kandidatin sagte hier einen Satz, der ihr vermutlich mehr geschadet hat als Geldzuwendungen arabischer Despoten für ihre Stiftung. Die Hälfte der Trump-Anhänger sei eine Ansammlung erbärmlicher Typen. Das Handyvideo fand seinen Weg in die Öffentlichkeit. Später hat sich Clinton entschuldigen müssen.
Erbärmliche Typen! Nichts Besseres als diese Beschimpfung erwarten die Leute im Kleinstadt-Amerika von städtischen Eliten: Herablassung, Hohn und dumme Witze. „Wie war das Date mit deinem Vetter?“

Das ist zumindest so, wenn man David Wong folgt. Der Mann ist Chefredakteur einer humoristischen Online-Zeitschrift namens „Cracked“ und stammt aus einer kleinen Stadt in Illinois. Er hat einen nachdenklichen Text geschrieben mit dem Titel: „Wie halb Amerika seinen beschissenen Kopf verlor“ („How Half Of America Lost Its Fucking Mind.“). Der Text traf einen Nerv: Er fand binnen weniger Tage fünf Millionen Leser. Wong versucht darin zu begründen, warum seine Verwandten, Nachbarn und alten Freunde vermutlich Trump wählen. Er verspricht, ihnen die gute alte Welt der amerikanischen Kleinstadt zurückzubringen. Sie sind vermutlich nicht so naiv, ihm zu glauben. Doch in dem falschen Versprechen des windigen Immobilien-Unternehmers steckt auch die Würdigung eines sterbenden Lebensstils und einer ländlichen Wertewelt. Wong schreibt das so: „Offensichtliche Grundwahrheiten, die Jahrtausende nicht in Frage gestellt wurden, werden jetzt belächelt oder niedergeschrien“: Die Tatsache, dass harte Arbeit besser sei als Sozialhilfe, dass Kinder es besser hätten mit beiden Eltern im Familienfoto, dass Friede besser sei als Ausschreitungen, dass ein strikter Moralcode besser sei als unbekümmerter Hedonismus und dass die Menschen Dinge, die sie sich verdient hätten, höher wertschätzten als Dinge, die sie umsonst bekämen. Die großstädtischen Eliten belächeln diese Vorstellungen laut Wong nicht nur, sie ignorierten auch die Tatsache, dass es den amerikanischen Kleinstädten mit ihren überwiegend weißen Bewohnern dreckig gehe.

Die versteckte Theorie hinter dem Aufstieg des Donald Trump liefert womöglich Branco Milanovic, früher Weltbank-Volkswirt, heute einer der führenden Ungleichheitsforscher (sein Buch „Die ungleiche Welt – Migration, das Eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht“ ist gerade im Suhrkamp-Verlag erschienen). Zumindest in Fachkreisen ist seine Grafik berühmt geworden, mit der er die globale Einkommensentwicklung zwischen 1988 und 2008 auf die einzelnen Einkommensgruppen herunterbricht. Sie sieht aus wie die Kontur eines Elefanten und zeigt: In den beiden Dekaden der Globalisierung haben fast alle Menschen deutlich gewonnen. Die Armen, die Mittelschicht und die Reichen in Schwellenländern sowie den Armen und Reichen in den Industrienationen. Nur die untere Mittelschicht in Ländern wie Deutschland, Japan und die Vereinigten Staaten musste in diesen zwanzig Jahren in die Röhre schauen: Einkommenszuwächse? Fehlanzeige. „Amerikas Mittelschicht fühlt Druck von der Mittelschicht Asiens, die um die Arbeitsplätze konkurriert“, sagt Milanovic. Doch zugleich fühlten sie den Druck durch die regionale Plutokratie, jene Spitzenverdiener, die so viel besser abgeschnitten hätten als sie in der Phase.
Viele Kleinstädte in den Vereinigten Staaten leiden darunter, dass sie von einer Industrie, einer Mine, einer großen Fabrik abhingen. Wenn diese Produktionsstätten aufgegeben wurden, wurde oft der soziale Niedergang der Kommunen eingeleitet. Die wirtschaftliche Erholung der Obama-Jahre brachte wenig Entlastung. In der Erholungsphase nach der Rezession 1991 wurden überall im Land neue Unternehmen gegründet, 125 Countys steuerten die Hälfte der Firmenneugründungen in den vier Jahren nach der Krise bei. Nach der immer noch frischen Finanzkrise beschränkt sich die wirtschaftliche Dynamik auf ganze 20 Countys, die die Hälfte der Start-ups beisteuerten. Amerika hat aber mehr als 3000 Countys, und in nicht wenigen regiert die Agonie. Der Ökonom James Galbraith hat gezeigt, dass die Hälfte des Anstiegs der Einkommensungleichheit der letzten Jahre in den Vereinigten Staaten auf sage und schreibe fünf Countys zurückgeht: Manhattan, drei Countys im Silicon Valley und ein County in Washington State.

Zugleich weisen soziale Indikatoren auf den Niedergang des kleinstädtischen weißen Amerikas. Die Ökonomen Anne Case und Angus Deaton haben herausgefunden, dass die Lebenserwartung weißer Männer im mittleren Alter ohne Collegeabschluss deutlich zurückgeht. Das ist noch dramatischer als es klingt: Selbstmord, Alkohol- und der grassierende Opiate-Schmerzmittel-Missbrauch sind die Treiber der höheren Sterberate für die weißen Männer, die tendenziell eher auf dem Land leben und Trump zuneigen. Diese schlimme Entwicklung findet im Wahlkampf kaum Erwähnung und trägt bei nicht wenigen Amerikanern zum Gefühl bei, dass die großstädtischen Eliten die Demokratie unter sich ausmachen. Im Wahlkampf geht es darum, ob Frauen angemessen behandelt werden speziell von Donald Trump (natürlich nicht), ob Transsexuelle aufs Damenklo dürfen und ob die Kandidaten die charakterliche Eignung für das hohe Amt mitbringen. Existentielle Probleme werden weniger diskutiert. Bleibt noch das Rätsel, warum die Leute ausgerechnet mit dem Milliardär aus Manhattan mitgehen. Der Mann jagt den Eliten Angst ein. Und manchmal, schreibt David Wong, will man eben genau einen solchen Grobian in seinem Team haben.

Abschied leben lernen- ganz konkret

Sie hat die Seite gewechselt und ich winke ihr nach

Dr. med. Mechthilde Kütemeyer ( 1938-2016)
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie
Psychosomatik und Psychotherapie

Freundin und Lehrerin, Ärztin aus Leidenschaft, die mir im Umgang mit Menschen, die die Not einer Krankheit durchleben und auf  menschliche Nähe und Heilung hoffen, ein lebendiges Beispiel war ; eine Frau mit Widerspruchsgeist und  dem notwendigen Mut, aufzubegehren, sich für andere Menschen einzusetzen und eine, mit der zusammen ich über das Leben und Sterben reden, streiten, weinen und lachen konnte: sie ist gestorben, einfach nicht mehr da! Meine Welt ist wieder ärmer geworden. Ich weine um sie.

Welche Heilmittel braucht die Medizin?

Die Begegnung mit Mechthilde Kütemeyer war einer jener  Wendepunkte in meinem wissenschaftlichen Denken, in denen man auf der Suche nach dem eigenen Weg plötzlich weiß und fühlt, dass Aufbruch, Umbruch und  neue Wege gefragt sind. Mechthilde hat mich, meine Mitarbeiter und die Studierenden an der Universität Bremen in den Bereichen Sozialarbeitswissenschaft, Public Health und Pflegewissenschaft vor mehr als 30 Jahren mit dem Werk der anthropologischen Medizin Viktor von Weizsäckers nicht nur vertraut gemacht, sondern uns dazu angestiftet, die interdisziplinären Zusammenhänge von Biografie, Krankheit und Gesundheit in Forschung und Lehre aufzugreifen, die Bedeutung des Subjekts nicht nur in der Medizin zum Angelpunkt zu machen und kritisch für die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung um ein Medizin- und Gesundheitssystem zu nutzen, in deren Mittelpunkt der ganze Mensch in seiner umfassenden Gestalt steht. „ Nicht ein Organ wird krank, sondern der ganze Mensch erkrankt“ und „ Die Geschichte einer Krankheit ist etwas anderes als die Geschichte des erkrankten Menschen“  und die „Einführung des Subjekts in die Medizin“ waren jene Gedanken Viktor von Weizsäckers, die uns klar machten, dass zu kreativem Denken und engagierten Positionen auch eine entsprechende berufliche Praxis gehört, die nicht nur mit reparieren, therapieren und helfen, sondern auch mit der „ Ehrfurcht vor dem Leben“ (Albert Schweitzer) und dem dienen zu tun hat.  

Einer der vielen Texte von Mechthilde Kütmeyer aus den 80iger/ 90 iger Jahren, der ihre  wegweisenden Positionen zeigt:

Welche Heilmittel braucht die Medizin?

1. Die Medizin braucht ein Anti-Hybris-Mittel. Sie muss lernen, dass man nicht alles durchleuchten, aufklären, nicht alles heilen kann, dass Krankheiten nicht Defekte sind, die repariert werden müssen, sondern einen Sinnund eine Bedeutung haben für den Betroffenen und seine Umgebung.

2. Die Medizin braucht Übersetzer der Körpersprache, die verstehen, was an die Nieren geht, auf den Magen drückt, das Herz schwer macht, Kopfzerbrechen bereitet. Da muss gesprochen werden: über Erinnerungen, Geheimnisse, unterdrückte Wünsche, gefesselte Gefühle.

3. Die Medizin braucht eine Aufwertung der Sprechstunde, sie braucht Fachärzte für Erinnnerungs- und Befreiungsmedizin.

4. Die Medizin braucht eine „moralische“ Physiologie und Pathologie, eine Lehre von der Wirkung pathogener Ideale, der Wirkung verleugneter Gefühle, Denkverbote und erstickter Triebe auf die Körperfunktionen, auf Entstehung und Verlauf von Krankheiten. Die bisherige Nutzphysiologie bedarf einer lustbiologischen Ergänzung.

5. Die Medizin, auch die medizinische Forschung, braucht eine Aufwertung der „weiblichen“ Methoden: Die „männlichen“ Methoden, das Eindringen, Durchleuchten, Spritzen und andere invasive Maßnahmen, dürfen an Bedeutung zurücktreten, Wahrnehmen, Einfühlen, Empathie und Verstehen an Bedeutung zunehmen.

6. Für die Verfeinerung der Wahrnehmung brauchen wir nicht die schnelle und aktive Medizin, sondern eine Medizin der Langsamkeit.

7. Die Medizin braucht Abrüstung, weniger „apparative Hochrüstung“ in den Kliniken (die viel Personal schluckt); statt dessen Personal, das Zeit hat, abwarten, zweifeln, Fragen stellen und offen lassen kann und für Kommunikation ausgebildet ist.

8. Die Medizin braucht Laien und von Krankheit Betroffene, die bei Entscheidungen mitreden und mitbestimmen. Es fehlen die Schöffen und Geschworenen in der Medizin.

9. Die Medizin braucht eine Heilungslehre, sie muss wieder lernen zu beobachten, was wirklich hilft. Im neuen Lehrbuch der Therapie dürfen Medikamente wie Sprache ®, Erinnerung ®, Äußerung ®, Befreiung ® – und die Beschreibung ihrer Wirkungen und Nebenwirkungen – nicht fehlen.

10. Eine Medizin, die solche ärztlichen Prinzipien und Heilungsgesetze kennt und respektiert, kann sich viel Mühe, Hektik und Kopfzerbrechen, viele Kostenexplosionen ersparen und viele Diskussionen über die Kostensenkung.

aus Ärztl. Praxis Nr.44, 1993
Vollständiger Text bei M. Kü.

 

einfach leben - August/September 2016

Ringvorlesung: "Was hilft heilen?"
Wünsche für die Mediziner von morgen

Memo zur Vorlesung von Eckart v. Hirschhausen

klick....

Ringvorlesung „Was hilft heilen“
Eine Veranstaltungsreihe des Instituts für Allgemeinmedizin in Frankfurt

Auftakt am 1. Juni mit Dr. Eckart von Hirschhausen.

Alle hochkarätigen Dozenten sind extra aus ganz Deutschland angereist, bis auf Prof. McCormack aus Canada, denn ihnen war es wichtig dabei zu sein, um diese besondere Veranstaltung mit den Medizin- und Zahnmedizinstudierenden und deren Lehrenden gemeinsam zu eröffnen.

…und dann ging es los!
Der Hörsaal ist bis auf den letzten Platz besetzt. Wer keinen Platz mehr in den Sitzreihen ergattern kann, findet einen Platz auf den Stufen. Es herrscht reges Gemurmel und überall liegen rote Schaumstoffnasen auf den ausklappbaren Tischen.

Als die Ringvorlesung durch Prof. Ferdinand M. Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin, eröffnet wird, verstummen die Gespräche und alle lauschen der prägnanten und schon jetzt humorvollen Einführung.

Gemeinsam berichten Prof. Gerlach und Prof. Tobias Esch (Witten-Herdecke/Harvard), wie die Idee zu dieser außergewöhnlichen Ringvorlesung entstand. Sie stellen die bevorstehenden Beiträge sowie  deren Dozenten vor und machen Appetit auf die  kommenden Veranstaltungen. Schon jetzt spürt man die Lust der Anwesenden, unbedingt bei den weiteren Vorlesungen dabei zu sein.
Frau Prof. Annelie Keil (Bremen), die am 29. Juni ihre Vorlesung halten wird, richtet ein paar persönliche Worte an alle. Keil, die 1939 geboren ist, stellt sich als einen Teil der Generation vor, die „..jetzt dement mit dem Rollator auf die Zuhörer zurollt...“.
Es wird deutlich, dass der Humor in dieser Veranstaltungsreihe gewiss nicht zu kurz kommen wird.
Als Dr. Eckart von Hirschhausen seinen Beitrag beginnt, empfängt ihn donnernder Applaus. Mit einigen witzigen Kommentaren eröffnet er seinen Vortrag und sofort wird allen klar: das werden außergewöhnliche zwei Stunden!
Hirschhausen berichtet von seiner Studienzeit und seinen Erfahrungen als Assistenzarzt, mal ernst, mal heiter aber stets mit Bedacht und im Hinblick darauf, dass jeder für sich persönlich heute eine Erkenntnis mit nach Hause nimmt.
Hirschhausen bedeutet es viel, dass die Hörenden erfassen, wie wichtig Humor auch in Krankenhäusern, für Patienten und auch für die Ärzte ist. „Lachen ist eben die beste Medizin!“…

Zeit zum „inne halten“ nehmen, sich individuell auf  Patienten einstellen und auch ruhig mal in die Rolle des Patienten schlüpfen. Allesamt wichtige Perspektiven, die in der medizinischen Ausbildung nur selten berücksichtigt werden. Sich im ärztlichen Alltag immer wieder daran zu erinnern, seinen Mitmenschen in die Augen zu schauen, Patienten auch mal die Hand zu halten und sich dabei bewusst werden, welch große Wirkung diese  kleinen Gesten haben, sind Hirschhausen äußerst wichtige Aspekte im täglichen Umgang.

Die Worte machen bei den Hörenden sichtlich Eindruck, was die vielen begeisterten Stimmen nach der Vorlesung zusätzlich übereinstimmend bestätigen.
Die zweieinhalb Stunden vergingen wie im Flug und die kommenden Veranstaltungen versprechen ebensolche Eindrücke. Die Vorfreude ist spürbar, bei den Dozenten, den Hörenden und dem ausrichtenden Institut für Allgemeinmedizin.

Weiter geht es…
am 22. Juni mit Prof. Dr. med. Tobias Esch mit dem Titel: Die Neurobiologie des Wohlbefindens - Was ist Glück?“,
am 29. Juni kommt Prof. Dr. phil. Annelie Keil mit „Hauptsache gesund? Leben "Nein Danke? - Der Mensch ist mehr als sein Befund“ und
am 13. Juli wird Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach mit dem Thema „Weniger ist manchmal mehr - Quartärprävention als Schutz vor zu viel und falscher Medizin“ die Hörenden in den Bann ziehen, bis dann nach der Sommerpause
am 5. Oktober Prof. James McCormack, BSc (Pharm), PharmD aus Canada ans Institut für Allgemeinmedizin nach Frankfurt kommt, um einen äußerst ungewöhnlichen und unterhaltsamen Beitrag mit dem Thema „Choosing Wisely - Less is more, more or less“ für alle Studierenden und deren Lehrende am Fachbereich Medizin- und Zahnmedizin zu halten.

 

 

Osterholzer Kreisblatt 4.4.2016 Zischausgabe

Lehr- und Lernbeispiel für gelebte und lebbare Integration

- gegen all die leeren Worte, die gegenwärtig wie giftige Pfeile unseren Verstand und unsere Herzen verwunden

Neuanfang in Bremen
Weserkurier  vom 7. März 2016, S. 8
Zu Besuch an einer Bremer Schule

Eine Kolumne von Farhan Hebbo aus Syrien
Farhan Hebbo kommentiert seinen Besuch an einer Bremer Schule, in die er eingeladen wurde…

Dann aber kam eine Lehrerin, und als ich mit ihr Deutsch sprach, frage sie mich, ob ich bleiben und den Schülern erzählen könnte, warum und wie ich nach Deutschland kam. Ich sagte sofort zu. Ich fühlte, dass diese Lehrerin mir ein Boot gab, in dem ich den Fluss überqueren konnte- und auf der anderen Seite  waren der Frieden und die Sicherheit, die ich lange gesucht hatte.
Die Schüler fragten uns, wie wir diese lange Reise, die Schrecken und gefährlichen Abenteuer überlebt hatten. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie wir 5000 Kilometer hergekommen waren, vor allem die Frauen und Kinder.
Meine Antwort war:
Wenn ich in meinem Rücken nichts mehr habe, keine Heimat, und den Tod kommen sehe, habe ich nur eine Lösung: Ich packe den Tod und springe auf seinen Rücken wie auf ein Pferd und drehe ihn mit aller Kraft in die Richtung, in die ich gehen will. Entweder sterbe ich, oder ich verteidige mich. Weil ich weiterleben will. Diese Verbindung zum Leben ist die einzige Kraft, die ich habe. Dieser Wille hat uns hergebracht

Bei einem Schulfest hatten sie uns Stempel auf die Hand gedrückt, damit wir Kaffee und Kuchen bekommen. Ich wollte auch einen Stempel auf mein Herz
setzen, damit ich mein Versprechen nie vergesse. Ich stelle mir eine Stadt der Tugend vor, wo alle Menschen menschlich und herzlich sind und keine Fehler machen. Das ist nur eine Idee. Aber die Leute in Bremen bemühen sich, dieses Ziel zu erreichen, fast so als gäbe es auch da einen Wettbewerb mit andern deutschen Städten.

Farhan Hebbo (66) floh im Mai 2014 mit seiner Familie aus Syrien in die Türkei. Über die Balkanroute reiste er allein weiter nach Deutschland. Nun lebt er mit seiner Tochter in Bremen. Hebbo spricht Deutsch, da er als junger Mann eine Ausbildung in der DDR machte. Wir helfen ihm seine Texte zu entwickeln
und vom Arabischen ins Deutsche zu übersetzen

Ein klares Wort
Dieser Brief aus der Redaktion der BILD- Zeitung hat mich sehr berührt, weil er mir die Hoffnung gibt,
dass die Diskussion über das, was viele Menschen in diesem Land bewegt, breiter ist als ich dachte.
Er zeigt auch, was es im Denken und Fühlen zu schaffen gibt.

 

Auf in den Krieg?
So viele offene Fragen. Eine Mail an meine Freunde

Gesendet: 16:29 Freitag, 4.Dezember 2015
Betreff: Ohnmacht, Wut, Traue und eine neue- Kriegserklärung!

Liebe Freundinnen, Freunde!
Gestern höre ich einen Vortrag über die Kriegsfolgen in den Seelen der Menschen, denke darüber nach, was sich in meinen politischen Gedanken als Kriegskind des letzten deutschen Krieges niedergeschlagen hat und was ich übersehen habe, versuche das letzte Gespräch mit einem syrischen Mann in einem unserer Zelte hier in Bremen
zu verdauen, der täglich überlegt, nach Syrien zurückzukehren, weil Frau und Kinder warten, um nachzukommen und er lieber mit ihnen sterben will als hier zu warten und sich jeden Tag die Informationen ändern. Ich bin sauer auf jeden Sturm hier in Bremen, weil die Menschen aus den Zelten für wenige Stunden  in irgendeine steinerne Unterkunft umziehen müssen, weil in Friedenszeiten schon Windstärke 10 einen Umzug verlangt.
In der großen Turnhalle mit ca 100 unbegleiteten Jugendlichen werden Spiele gebraucht und ich bringe alle hin, die ich habe- leider spiele ich mit meinen Freunden zu wenig. Ein Rentner kommt jeden Tag in die Halle und bietet Bingo an, die Studenten der Uni Bremen machen Sprach-, Sport-, Gitarren- und Theaterunterricht. Das
alles tröstet.

Und dann die befürchtete Nachricht: mehrheitlich entscheidet der Deutsche Bundestag, dass wir an der Seite Frankreichs aus Solidarität in den „ Krieg“ gegen den IS ziehen- mit Verbündeten, die nicht viel Gemeinsames verbindet und die sich am liebsten gegenseitig den Rang ablaufen wollen, wer zuerst bombt. Wer fragt die, die die Bomben und Raketen abbekommen? Nein, ich weiß auch keine Gesamtlösung, aber diese beteiligende Teillösung ist nur schrecklich. Wieder werden meistens Zivilisten
sterben, die Menschen sich erneut oder weiter  zu Tausenden oder Millionen auf den Weg machen, wir an den Grenzen Europas  werden  wieder fragen, ob sie nicht doch nur wirtschaftliche Gründe haben! Hunger zählt inzwischen dazu! Allen Voraussagen nach werden sich noch mehr junge Menschen auch aus Europa den Terroristen anschließen und die alten  Menschen  bleiben ohnehin schon zurück. Und wir „erklären den Krieg“, wo schon längst Krieg ist, alle gegen alle. Die Mörderbanden stoppen, wer will das nicht?
Auch wenn es nicht in meinem Namen geschieht, mein Land spielt mit, packt schon die Flugzeuge mit Kriegsmaterial voll anstatt erst mal einige Flugzeuge mit Lebensmitteln in die Lager im Libanon und in Jordanien zu bringen und sich zu überlegen, wohin denn die Milliarden an die Türkei wirklich gehen. Diese Entscheidung  ist
angesichts der zu lösenden Probleme einfach nur „lächerlich“, wenn es nicht so unendlich  traurig wäre. Alles in mir sträubt sich gegen viele Einsichten, Aussichten, Übersichten in all unserer Blindheit.

Ich lege Euch einen Artikel von Florian Zollmann in den Anhang. Er ist ein kluger junger Mann, gehört zu der Enkelgeneration der Kriegsgeneration, trägt das Banner derer, die immer wieder zu Recht an die Einsicht appellieren. Und ich zünde später trotz allem meine Adventskerze an und lese zur Erinnerung Bert Brecht " An die Nachgeborenen", Hannah Arendt über die finsteren Zeiten, Peter Härtling und seine Anmahnungen in seinen Kinderbüchern

Es grüßt Euch von Herzen
Annelie

Der Artikel von Florian Zollmann

Viele Fragen auch bei den Freundinnen und Freunden. Einer meiner Freunde antwortet wie folgt:

Liebe Annelie und liebe Annelie-Freunde,
ich teile Deine Gefühle - Wut, Ohnmacht, Mitgefühl. Die Entscheidung für diese Form der  deutschen Beteiligung am Krieg in Syrien halte ich für eine katastrophale Fehlentscheidung mit nicht abzusehenden Folgen, von denen keine gut sein wird. Ich bin  kein Pazifist - leider; ich wäre es gern, aber ich bin der Meinung, dass das für einen Deutschen meines Jahrgangs (1935) nicht möglich ist angesichts unserer Erfahrung und unseres Wissens, dass Europa und Deutschland vor einer jahrzehntelangen Fortdauer des Nazi-Terrors nur bewahrt worden ist durch den Kriegseinsatz der Alliierten Mächte. Jetzt haben wir es in Gestalt des  IS mit einer neuen Form des Totalitarismus zu tun, der uns direkt angreift. Ich wäre deshalb nicht gegen eine Beteiligung der Bundeswehr an einem Kriegseinsatz gegen den IS mit Bodentruppen im Rahmen der Nato. Dass Bomben nicht nur inhuman sind, sondern auch nicht zum Ziel führen, ist bekannt und haben wir Alten auch  im 2. Weltkrieg erlebt. Über diese Einschätzung sind sich offenbar alle Experten einig. Unsere Tornados - wenn sie denn überhaupt abheben können - sind völlig veraltet, ihre Kameras taugen wenig, und sie müssen so niedrig fliegen, dass es früher oder später zu Abschüssen kommen wird durch Luftabwehrraketen, über die der IS offenbar verfügt. Die Amerikaner haben längst Aufklärungsflugzeuge und -Drohnen dort im Einsatz, die so hoch fliegen, dass sie für Raketen nicht erreichbar sind und dennoch gute Bilder machen. Merkel sieht sich durch Frankreich zu diesem Kriegseinsatz genötigt. Sie glaubt wohl selbst nicht, dass damit der IS eingedämmt werden kann. Aber sie fürchtet wohl, dass ohne diese fast nur symbolische,  aber hoch gefährliche Unterstützung Frankreichs Europa auseinander fällt. Diese Gefahr ist sehr real - und ich fürchte sie im Grunde mehr als alle Attentate des IS. Aber dieser Militäreinsatz wird daran nichts ändern, vielleicht wird er sogar durch weitere Flüchtlinge diese Gefahr noch verstärken.

Um nicht bei der Ohnmacht zu verharren habe ich schon seit Jahren die zivile Bürgerrechtsbewegung gegen die Assad-Diktatur in Syrien unterstützt, und zwar über die Organisation Adopt a Revolution. Die Lage in Syrien hat sich inzwischen so verschlechtert, dass ich schon versucht war, diese Unterstützung resigniert einzustellen. Aber erstaunlicherweise gibt es diese Menschen, die ursprünglich friedlich gegen das Regime demonstriert haben und dann sofort auf das brutalste von ihm terrorisiert wurden, immer noch! Sie bilden die einzigen humanitären Netzwerke, die es in Syrien noch gibt, sorgen für Nahrungsmittel, Medikamente, Schulbildung und Informationen unter unsäglichen Bedingungen.  Ich bin über die Jahre davon überzeugt worden, dass es die es sich bei dem von Deutschland aus operierenden  Unterstützer-Kreis dieser zivilen Rebellen in Syrien um  ein seriöses Unternehmen handelt, das noch immer in der Lage ist, die gespendeten Gelder an der richtigen Stellen sinnvoll zu verwenden. Ich glaube, dass diese mutigen, in Syrien  durchhaltenden Menschen unsere Unterstützung brauchen und wahrhaft verdienen. Sie werden diejenigen sein, auf  denen sich ´der Aufbau einer künftigen Zivilgesellschaft in Syrien wird stützen müssen,  und auch diejenigen, die die nicht wenigen unter den syrischen Flüchtlingen, die zurückkehren wollen sobald wenigstens der Bombenterror aufgehört hat,  empfangen und re-integrieren  müssen.

Lasst uns also etwas tun! Wenigstens ein bisschen, wenn Ihr noch etwas übrig habt von unserer Unterstützung der Flüchtlinge hier.  Ich schicke Euch deshalb mit gleicher Post die neuste Mitteilung  der Gruppe Support a Revolution, damit Ihr Euch selbst ein Urteil bilden könnt. Ich kenne Euch nicht, aber ich grüße Euch trotzdem von Herzen, und dankbar, dass Ihr bis hierher gelesen habt

Hans Peter

 

Weserkurier 6.10.2015

 

Auch wenn wir die Antworten auf die vielen Fragen noch nicht wissen, aber zusammen kochen, essen, reden, singen können wir mit denen, die zu uns geflüchtet sind, schon jetzt! " Cook nicht weg!" Kleines Fest der Bremer Bürgerstiftung mit den Flüchtlingen in Bremen Arbergen am Sonntag, den 20. September 2015


Bremen setzt ein Zeichen!  Ein Friedenstunnel!
                                     Erster interreligiöser Tunnel

Prof. Dr. Annelie Keil

Laudatio
für ein Projekt und eine Frau

Friedenstunnel Einweihung am Sonntag, den 6. September 2015
Für Vielfalt, Toleranz und Verständigung

Das Projekt „ Friedenstunnel“ setzt ein Zeichen, viele Zeichen. Für den Frieden, für Vielfalt, Toleranz und Verständigung, also für große erhabene Ziele. Das ist gut, aber Ziele zu setzen und sich zu etwas zu bekennen, reicht nicht. Nein, es braucht auch lebendige Menschen, die sich ein Herz fassen und die sich dieser Ziele annehmen, sie zu den eigenen machen, sozusagen adoptieren und nicht immer darauf warten, dass es vielleicht noch klügere Ziele, perfektere Bündnispartner, noch bessere Orte als einen dunklen Tunnel und leichtere Bündnispartner als Religionsgemeinschaften gibt. Wer etwas erreichen will, kann das selten ganz allein, aber Menschen in jenes Boot zu holen, in dem wir angeblich alle ohnehin schon sitzen, ist ein kompliziertes Unterfangen. Und wer mag in diesen Tagen die  Wort-Assoziation vom gemeinsamen Boot schon leicht über die Lippen bringen.

Aber siehe da: es gibt  in dieser Stadt nicht nur das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten, sondern sie sind tatsächlich immer noch unterwegs: in neuer Aufstellung! Sie tragen ein Banner, das aus vielen kleinen Gebetsfahnen und wunderbaren Mosaikenbesteht, auf denen in vielen, vielen Sprachen das Wort „ Frieden“ in unsere Augen springt. Sie sind nicht die einzigen in dieser Stadt, sind nicht allein als eine Art Tunnel- und Brückenbauer für die Frieden in unserem Land unterwegs. Bremer Stadtmusikanten braucht das Land – und zwar überall: in Heidenau und Dresden, in Wien, Budapest und München, auf den griechischen Ferieninseln und um uns herum in jedem Flüchtlingslager, das in diesen Tagen entsteht, gerade weil wir alle nicht genau wissen, wie es weitergehen kann und wann wir endlich die eigentlichen Räuber vertrieben haben, die den Menschen den Krieg erklärt haben und sie aus ihrer Heimat, ihrer Sprache, ihrer Kultur, ihrer Religion vertreiben, aus dem Land, wo sie  Unterkunft und Bleibe hatten, die sie jetzt bei uns suchen. Wo anders sollten sie denn suchen, wenn nicht hier? Diese Welt ist und bleibt eine gemeinsame Welt! Sie zu teilen ist das Gesetz der Schöpfung  und der Auftrag seit es Menschen gibt und wir wissen, dass Platz für jeden ist. Über das Wo müssen wir reden, nachdenken, streiten und entscheiden!

Aber wie das so mit den Projekten ist, die wir anschieben. Es braucht die Initiatorin wie in unserem Beispiel, das wir heute feiern. 14 Jahre ist es alt, mitten in der Pubertät und doch schon ganz schön alt, wenn man die Jahre als Katzen- oder Hundejahre zählt! Und wie alt der Musikantenesel wird, weiß man nicht! Nicht immer ist in solchen Projekten klar, wer unten den festen Halt gibt und oben kräht. Manchmal bellt es aus der Mitte. Woher kommen solche Musikanten,  wie finden sie zu  einem Team zusammen und bleiben es auch? Und von was ernährt sich der Teamgeist? Wer stiftet im Kleinen den Frieden, den wir für das Ganze brauchen? Durch wie viele dunkle Tunnel muss man in einem solchen Projekt gehen, damit wenigstens am Ende eines Tunnels das Licht zu sehen ist?

Weltweit in allen Ländern dieser Erde kennen Menschen das Wort „ Frieden“ und machen sich  allein und gemeinsam mit anderen, unter den schwierigsten Bedingungen auf den Weg, um mit sich selbst, mit anderen Erdenbürgern und mit der Welt in Frieden zu leben und dadurch ihr Leben zu sichern und zu gestalten! Aufbruch, Zusammenhalt und Mut waren schon im Märchen die Prinzipien, die den alten  Bremer Stadtmusikanten in den müden Knochen steckten, aber sie mussten sich real  auf den Weg machen, um öffentlich zu bekunden, dass sie ein Recht auf ein  Leben in Würde haben. Und  sie mussten sich gleichzeitig selbst beweisen, welcher Funken Hoffnung in ihnen steckt und lebendig werden kann, wenn man sich gegenseitig ermutigt und unter die Arme, Pfoten, Flügel oder Hufe greift.
 
Das  ging und geht den Neuen Bremer Stadtmusikanten in der Formation „ Friedenstunnel“ nicht anders. „Hoffnung ist ins Gelingen verliebt“, heißt es bei Bloch und „Glaube, Liebe und Hoffnung“ können Berge versetzen heißt es an vielen Stellen in den heiligen Büchern und Schriften der Religionsgemeinschaften.  „Wagen und Winnen, Buten und Binnen, sonst findet man den Schlüssel zur Welt nicht,“ auch diese weltliche Bremer Weisheit  lernten die Sängerinnen und Sänger und sie unterstützte die Idee, den Tunnel zum Tönen für den Frieden zu bringen. „ Ich lebe und liebe meine Arbeit“, sagt Regina Heygster und man spürt, dass sie viele Schlüssel und andere Werkzeuge in der Hand hält, um jene Berge zu versetzen und vorher zu beschriften und aufleuchten zu lassen.

Es ist der schwierige Auftrag, der in jedem Leben steckt: aus der Möglichkeit zu leben, unter allen Umständen, auch den schwierigen, das eigene und das gemeinsame Leben zu gestalten und  dies immer in drei Dimensionen umzusetzen: für sich selbst, für andere Menschen und für die Welt, in der wir leben. Von der Wiege bis zur Bahre durch alle gelebten Jahre hindurch erfinden und inszenieren wir Leben als einen sozialen biografischen Prozess und suchen zusammen auf Wegen und Umwegen, in Hürdenläufen und Zickzackkursen, manchmal mit rasendem Tempo und manchmal wie im Stillstand nach einer „ Behausung“, die dem Menschen zur Existenzgrundlage für Körper, Geist und Seele werden soll. Vielfalt, Toleranz, Verstehen, Mitgefühl und Liebe sind das Fundament, auf dem die Behausung stehen muss, aber auch Demut und Bescheidenheit braucht es: Frieden fängt klein an.

Was immer das Ergebnis eines Projekts zu solchem Zweck ist,  ob wir es für mehr oder weniger gelungen halten, ob wir Anerkennung oder Ablehnung für das erhalten, was entstanden ist und wir gemeinsam  bewerkstelligt haben: Leben ist  in all seinen Facetten immer eine individuelle und kollektive Lebensleistung, ein Symbol für Kultur, Ethos und Humanität  und basiert auf der jeweiligen Arbeits- und Friedensleistung von Menschen. Und ebenso wahr ist die  andere Tatsache, dass eben diese Lebens- und Kulturleistungen immer wieder gefährdet sind, dass Menschen sich ganz offensichtlich immer wieder schwer tun, zum Friedensstifter zu werden. Wie schwer die kleinen Schritte zum Frieden sind, wie schnell der Hass uns den Boden unter den Füßen wieder wegziehen will, können wir gegenwärtig an den Kommentaren zu den Flüchtlingen im Internet studieren. Manchmal breche ich in diesen Tagen in Tränen aus, weil ich mich an die Zeit erinnere, in der ich selbst nach dem zweiten Weltkrieg 1947 im Grenzdurchgangslager Friedland ankam.

Leben ist also eine Herausforderung, die im Geschenk der nackten Geburt steckt und von dem, der beschenkt wurde, eine  nicht immer einfache Liebe zum Leben erwartet, die Arbeit macht. Immerhin gibt es das Leben selbst umsonst (!) und zwar zusammen mit einer „ Werkstatt“, in und mit der der Mensch alles entwickeln kann und muss, was er zum Leben braucht und was im Ergebnis zum demografischen Reichtum wird: ein Herz, das schlägt, das Feuer und Flamme für etwas entwickeln  kann, das Mitgefühl entwickeln und Kummer ertragen kann; Augen, Ohren, Nase und einen Mund, der schmecken, sprechen, singen lernen kann; Sinne, die dem Leben Sinnlichkeit und Sinn verleihen können; Füße, auf denen man stehen und mit denen man laufen und weglaufen kann; Hände, mit denen man Friedenszeichen gestalten kann; ein Gehirn, mit dem man denken, mitdenken  und Bewusstsein entwickeln kann, wenn man sich dazu entschließt, ein Mensch im aufrechten Gang zu werden. Leben will leben, wenn möglich auf eigenen Füßen stehen und die Solidarität und das Mitgefühl erfahren, die auf der Tatsache beruht, dass Leben immer ein Leben in Koexistenz ist. Ohne die anderen Menschen und ohne die reale Welt, die uns umgibt, gibt es kein Leben. „ Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“, auf diesen einfachen Satz hat es der Theologe und Arzt Albert Schweitzer gebracht.

Das Projekt „Friedenstunnel“ ist schon jetzt ein Wahrzeichen in Bremen und für Bremen. Und eben ein anderes als üblich, aber ebenfalls zur Besichtigung angeboten. Es sollte in die Stadtführungen aufgenommen werden. Die neuen Stadtmusikanten haben zusammen mit Regina Heygster einen dunklen  Weg durch die Stadt anders beleuchtet. Ihn mit Schriftzeichen versehen. An den Wänden kann der Wanderer lesen, worum es gehen kann, wenn man sich bestimmte Fragen stellt. Auch Esel, Hund, Katze und Hahn im Märchen wussten zunächst nicht, wie es wirklich geht, wenn man sich auf einen solchen Weg macht. Jeder im Musikantenteam der Tiere brachte seine Lebensgeschichte, seine Leiden und Erfahrungen ein,  hat biografisch sein Bestes gegeben- bis deutlich wurde, dass es nicht einmal mehr zum Überleben reichte und sie sich mit denen verbinden mussten, denen es ähnlich ging. So geht es manchmal auch  Menschen, die von sich sagen, dass sie nur noch funktionieren- für wen auch immer. Aus der Anklage des Jammers  aber muss eine Aussage, eine Ansage werden, damit überhaupt Bewegung, die Grundessenz allen Leben, entstehen kann. Es geht nicht um die einfache Stellungnahme, dass das Leben immer zum Lachen und zum Weinen ist, dass es für beides eine Zeit im Leben geben muss und dass es unterschiedlicher Hilfen bedarf. Auch eine Wut, gehört manchmal dazu, die  auf den Punkt zu bringen versucht, dass es um mehr geht als im Jammer zu versinken, dass alles nicht so läuft, wie wir es uns gewünscht haben!

Jammern ist zu einer Art Wellnessbewegung geworden, hat spezifische Mantra Gesänge  auf Lager, die sich in sinnlosen Sinnsprüchen manifestieren und die eigentliche Botschaft zum kleinen und großen Frieden verraten.  „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“ ist ein solcher Gesang.  Ja, aber sie stirbt und Menschen schauen angeblich betroffen zu und  beerdigen die Hoffnung, obwohl sie noch lebt und  um Hilfe bittet.

Die Ahnung der Stadtmusikanten, dass es nicht schlechter werden kann, ist ein wichtiger Antrieb, weil er den Rest einer Hoffnung hat, dass es irgendwo einen Ort, einen Menschen, eine Gelegenheit gibt, die das Leben auf eine neue, eben lebensnotwendige  Spur setzen kann- und wenn es die Vertreibung der Räuber ist, die unsere „Gasthäuser“ besetzen, um zu saufen, zu pokern und es sich auf unsere Kosten gut sein lassen.

Im Angesicht des 11. September hatte  Regina Heygster eine andere Idee: Dem Tunnelblick in den Köpfen mancher Menschen, dem Weg in die  geistigen und politischen Sackgassen am Ende des Tunnels ein Licht entgegensetzen. Und meine Laudatio gilt dem Projekt als Ganzem, den Beteiligten und Spendern durch die Jahre hindurch. Aber es ist auch die Laudatio für eine besondere Frau in dieser Stadt. Sie kann Dialoge wie Blumen pflanzen, damit die Welt nicht nur bunter, sondern friedlicher zeigen kann, was ihr fehlt. Wovon Regina H. mit den vielen Seiten ihrer Seele träumte, das wollte sie umsetzen, anfassen können, in Profilen erfahrbar machen, in Worte fassen. Und so machte sie sich an die Arbeit, um ihrer eigenen, aber auch der Liebe anderer zum Leben eine Gestalt zu geben. Der unscheinbare Tunnel bekam eine mütterliche Freundin, eine Familie, eine große Familie, mit Kindern und  Scheidungskindern,  
mit Tanten und Onkeln, die ein wenig spenden konnten, mit
Behörden und dem Eigentümer des Tunnels, der mit sich reden ließ.

Wie hat sie es geschafft, den städtischen Glanz  durch eine Glanzleistung zu erhöhen? Welche Kraft muss man haben, um sich so auf die Hinterbeine zu stellen und dabei noch genug Bodenhaftung zu haben, um mit den Vorderbeinen zu winken, zu scharren, auf den Tisch zu hauen, Anträge zu stellen, Presseerklärungen zu schreiben, Mosaike zu gestalten, Spenden einzutreiben und vor allem dabeizubleiben und das zu praktizieren, was viele Nachhaltigkeit nennen, ohne etwas zu haben, an dem sie sich festhalten können?

Regina Heygster- eine Bremer Stadtmusikantin mit Orchester und den Eigenschaften jener Tiere, die Bremen rund um die Welt bekannt gemacht haben.

  • Der Esel in ihr ist eher ein Wild-Esel denn ein Haus- Esel, der aber ein besseres Gespür dafür hat, was es heißt, auf sich selbst gestellt zu sein und sich nicht auf die Gemütlichkeit des heimischen Stalls zu verlassen. Der Wildesel hat deshalb übrigens ein größeres Gehirn, wie die Neurobiologen  herausgefunden haben. In der Wildnis gibt es einfach größere Herausforderungen, um zu überleben, aber es macht eben auch mehr Spaß. Lasten tragen und störrisch Schritt für Schritt gehen, das kennt Regina H. aus dem Projekt. Manchmal muss man auf die anderen Wild- und Hausesel im Projekt warten und geduldig sein, auch das dient der Sache.
  • Der Hund in ihr  hält die Treue, ist Wächter und Beschützer zugleich. Er kann wie wild los rennen, aber auch bei Fuß sein, wenn es auf Disziplin und Verlässlichkeit ankommt. Ihre Hundeseele stammt eher von einem Mischling, vielleicht einem, den man irgendwo mitten unter fremden Menschen gefunden hat, der mit prekären Situationen umgehen kann und wie eine Künstlerin Sozialphantasie entwickelt, einer, der sich freut, wenn man ihn streichelt, sich aber nicht abhängig macht.
  • Ohne den Freiheitswillen einer Katze, ohne deren Selbständigkeit und Unangepasstheit wäre das Projekt nicht zu meistern gewesen. Gebündelte Zärtlichkeit und Mitgefühl braucht ein Projekt, in dem es um den kleinen und den großen Frieden geht und die darin liegende Zuwendung, zu der Regina wie nur wenige Menschen so konkret fähig ist,  hat es vielen Menschen leicht gemacht, ihr zu vertrauen.
  • Regina ist auch dieser wunderschöne bunte Hahn, der oben auf den Bremer Stadtmusikanten sitzt und der sich nicht ständig darum sorgt, ob er eher männlich oder weiblich oder was von beiden ist. Regina hat etwas vom Wetterhahn auf dem Kirchturm. Sein optimistischer Weckruf, dass jeden Morgen die Sonne aufgeht und das Abenteuer Leben weitergeht, ist unverzichtbar und in Reginas Lachen verwurzelt. Manchmal muss der Hahn „ Feuer rufen“ oder oben auf dem Kirchturm als Wetterfahne und Botschafter dienen – beides braucht man auch in einem Projekt, das hin und wieder brennt, dem das Feuer manchmal ausgeht und dem die stürmischen Wetter zusetzen, von denen der weibliche Hahn Meldung gibt.

Liebe Regina! Auf einer meiner Reisen nach Asien habe ich auf einem Markt nahe der tibetischen Grenze eine kleine Skulptur der Bremer Stadtmusikanten gefunden. Ein Elefant, ein Affe, ein Hase und ein Vogel bilden das Team. Ich möchte Dir diese kleine B- Mannschaft schenken und Dir und dem Projekt weiterhin viel Mut und Entschlossenheit wünschen, nun die Idee des „ Friedenstunnels“ von diesem Ort aus in diese Stadt und über sie hinaus zu tragen. Zeichen setzen für Frieden, Verständigung und ein lebbares Miteinander, aktueller und gleichzeitig ewiger können Aufgabe und Ziel nicht sein!

Weser Kurier 25.04.2015

Prof. Dr. Annelie Keil (Bremen)

Draußen vor unserer Tür
ums Leben gekommen

Gedenkfeier für die Verschollenen im Mittelmeer
am 29. April 2015 in der Kulturkirche St. Stephani Bremen

Wir trauern und verneigen uns vor den Menschen,
die auf der Flucht vor Krieg, Terror und Hunger
einen Ort zum Leben suchten
und an den grenzen Europas spurlos im Mittelmeer ertranken

„ Wer auf See verschwindet, ist niemals wirklich und endgültig tot-
anders als ein Leichnam, der in Erde bestattet wurde, “ schreibt Andreas Weber in einem Artikel für die Zeitschrift „ Mare“ zum Thema „ Verschwunden“ im Jahr 2014.

Im Herzen derer, die zurückblieben, hinterlässt der auf dem Ozean Verschollene eine Trauer, die in der Unfassbarkeit des Geschehens von jener quälenden Hoffnung durchtränkt ist, man werde die  „Verschollenen“ finden: tot oder vielleicht doch noch lebend. Ein Kleidungsstück, ein Pass, irgendetwas, das man in der Erinnerung wie einen Beweis hüten kann, dass es diesen Menschen gab!  Gewissheit und Ungewissheit, Hoffnung und Verzweiflung ringen miteinander, wollen etwas festhalten, das in den Fluten versunken ist, wollen eine Spur sichern, die als Seil der Verbindung das Unerträgliche überlebbar macht.

weiterlesen... (klick...)

Wo wären wir geblieben, wie sähe unser Land aus- jeder von uns hat von der Sorge und Fürsorge anderer Menschen profitiert.

Aber die " unsichtbare Arbeit" ist mehr als die selbstverständliche Freude und Pflicht, für andere Menschen da zu sein! Die Initiativgruppe des Care Manifests (http://care-macht-mehr. com) macht aufmerksam, worum es geht, ergreift das Wort und lädt rund um den 1. Mai- zu Aktionen rund umd die unbezahlte Arbeit auf. Sichtbar soll werden, wovon wir alle profitieren- und was hinter der Arbeit unsichtbar bleibt, eine gesellschaftliche Verantwortung für die Missstände und die Care-Crise, eine Krise über die Gegenwart und Zukunft der Mitmenschlichkeit- ehrenamtlich u professionell.



Wir  haben alle  unverwechselbar das gleiche Gesicht: ein Mensch!
Deshalb unterstütze ich als Bürgerin Bremens den Aufruf meiner Stadt!

Aufruf: Für eine demokratische und weltoffene Gesellschaft – Bremen tut was
Wir stehen für eine weltoffene Stadt. Deshalb kämpfen wir entschieden gegen antisemitische, islamfeindliche und fremdenfeindliche Tendenzen und Parolen in unserer Gesellschaft. Damit dieses weltoffene Bremen jeden Tag Realität sein kann, müssen wir ohne Vorbehalte und Ängste aufeinander zugehen, miteinander reden, einander zuhören und gemeinsam nach Lösungen suchen. Wir setzen auf ein friedliches Miteinander aller Menschen in unserer Stadt und bieten deshalb intensiv den Dialog zwischen allen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen an.
In Bremen leben weit über fünfhunderttausend Menschen. Die einen sind hier geboren, die anderen im Lauf ihres Lebens hergezogen. Etwa jeder vierte hat nicht-deutsche Wurzeln. Die Bremerinnen und Bremer kommen aus allen Teilen Deutschlands und der Welt, sie haben unterschiedliche Interessen, Weltbilder, Träume, Lebensplanungen und Vorstellungen vom Leben, Partnerschaft und Familie, sie sind konfessionslos, christlich, muslimisch, jüdisch oder eines anderen Glaubens, sie sind jung oder alt – sie sind verschieden. Eins haben sie gemeinsam – sie sind alle Menschen! Menschen mit dem gleichen, unveräußerlichen Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit, ohne dabei andere in ihrer Freiheit zu beschränken.
Bremen braucht Zuwanderung. Gerade eine so stark mit dem Welthandel verbundene Hafenstadt wie Bremen muss weltoffen und tolerant bleiben. Zuwanderung ist mehr Bereicherung als Last, sie brachte und bringt neues Wissen, frische Ideen, Arbeitskraft und wirtschaftliche Dynamik in die Stadt.
Derzeit suchen immer mehr Menschen Schutz vor Krieg, Verfolgung, Elend und Terror, auch in Bremen. Ihre Aufnahme und Integration ist eine Verpflichtung, die sich aus der deutschen Geschichte und der UN-Flüchtlingskonvention ableitet. Sie ist für uns auch ein Gebot der Humanität. Wer aus seiner Heimat flieht, hat gute Gründe.
Wir setzen auf Integration von Anfang an, wenn es darum geht, Flüchtlinge aufzunehmen, die auf absehbare Zeit oder für immer in Deutschland bleiben werden. Natürlich ist es eine Herausforderung für jede Stadtgesellschaft, eine große Zahl von Flüchtlingen und Zuwanderern aufzunehmen, ihnen das Ankommen zu erleichtern und ihnen eine Lebensperspektive zu geben. Integration ist kein Selbstläufer, Integration bedeutet Anstrengung von allen. In Bremen sorgen viele Bürgerinnen und Bürgern in den Stadtteilen dafür, dass das Wort "Willkommenskultur" keine leere Worthülse ist. Wir rufen alle Bremerinnen und Bremer auf, den vielen positiven Beispielen zu folgen.

Die Unterzeichnenden:
Ismail Baser (Vorsitzender Schura Bremen); Marie-Luise Beck (MdB); Uwe Beckmeyer (MdB und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie); René Benkenstein (1. Vorsitzender Deutsches Rotes Kreuz Kreisverband Bremen); Bürgermeister Jens Böhrnsen (Präsident des Senats); Renke Brahms (Schriftführer Bremische Evangelische Kirche); Dr. Thomas vom Bruch (Stv. Vorsitzender Fraktion der CDU in der Bremischen Bürgerschaft); Ulrike Brunken (Geschäftsführerin Paritätisches Bildungswerk LV Bremen e.V.); Libuse Cerna (1. Vorsitzende Bremer Rat für Integration); Eric Dauphin (Vorstand Bremer Tageszeitungen AG); Willi Derbogen (Leiter Arbeit und Leben Bremen e.V.); Annette Düring (Vorsitzende DGB Region Bremen-Elbe-Weser); Prof. Kapt. Ernst Folz (Vorsitzender Landesmusikrat Bremen); Dr. Matthias Fonger (1. Syndicus Handelskammer Bremen); Christian Gloede (Landesvorstandssprecher GEW Bremen); Dr. Matthias Güldner (Vorsitzender Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in der Bremischen Bürgerschaft); Silke Harth (Bremer Migrations- und Integrationsbeauftragte); Ulrike Hauffe (Landesbeauftragte für Frauen des Landes Bremen); Renate Heitmann (Geschäftsführerin bremer shakespeare company / Vorstand Stadtkultur e.V.); Dr. Hubertus Hess-Grunewald (Präsident SV Werder Bremen); Elke Heyduck (Geschäftsführerin Arbeitnehmerkammer Bremen); Bettina Hornhues (MdB); Fred Höcker (Geschäftsstellenleiter EVG Bremen); Prof. Dr. Klaus Hübotter (Ehrenbürger); Prof. Dr. Michael Hülsmann (Managing Director Jacobs University Bremen); Doris Hülsmeier (Vorsitzende Gesamtpersonalrat); Marco Jaß (Vorstand RAT & TAT - Zentrum Bremen e.V.); Sabine Kaempfer (Projektleitung CVJM); Mehmet Karabacak (Stv. Vorsitzender Landesverband der islamischen Religionsgemeinschaften Niedersachsen und Bremen / DITIB); Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu (Konrektorin Universität Bremen); Volker Keller (Willkommensinitiative Vegesack); Arnold Knigge (Vorstandssprecher Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege); Jochen Kopelke (Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei);Olli Kornau (Asta Hochschule Bremen); Bürgermeister a.D. Hans Koschnick; Ingo Kramer (Präsident Die Unternehmensverbände im Lande Bremen); Jan-Gerd Kröger (Präses Handwerkskammer Bremen); Rainer Kuhn (Bezirksgeschäftsführer ver.di); Jürgen Lehmann (Geschäftsführer, Arbeiter-Samariter-Bund, Landesverband Bremen); Willi Lemke (Mitglied des Aufsichtsrates SV Werder Bremen); Eva-Maria Lemke-Schulte (Präsidentin AWO Kreisverband Hansestadt Bremen); Bürgermeisterin Karoline Linnert; Prof. Dr. Karin Luckey (Rektorin Hochschule Bremen); Wolfgang Luz (Vorstand Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband); Jan Metzger (Intendant Radio Bremen); Manfred Meyer (Geschäftsführer, Landespfarrer Diakonisches Werk Bremen); Elisabeth Motschmann (MdB); Karoline Müller (Geschäftsführerin Landessportbund Bremen); Cornelius Neumann-Redlin (Hauptgeschäftsführer Die Unternehmensverbände im Lande Bremen); Dieter Nickel (Geschäftsführer, NGG Region Bremen-Weser-Elbe); Elvira Noa (Vorsitzende Jüdische Gemeinde Bremen); Isa Nolle (Landesgeschäftsführerin Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.); Uwe A. Nullmeyer (Geschäftsführender Vorstand Uni-Freunde); Akin Özgenc (Bevollmächtigter für die Gemeinden in Bremen – Verband der islamischen Kulturzentren); Dr. Grigori Pantijelew (Jüdische Gemeinde Bremen); Bernd Panzer (Vizepräsident Landessportbund Bremen); Dieter Reinken (Landesvorsitzender SPD); Ralph Saxe/Henrike Müller (Landesvorstandssprecher Bündnis 90/Die Grünen); Bürgermeister a.D. Henning Scherf; Dr. Sabina Schoefer (Vorsitzende Bürgerstiftung Bremen); Propst Dr. Martin Schomaker (Katholisches Büro und Katholischer Gemeindeverband Bremen); Dr. Joachim Schuster (MdEP); Dr. Carsten Sieling (MdB); Christoph Spehr/Doris Achelwilm (Landessprecher Die Linke); Volker Stahmann (1. Bevollmächtigter, IG Metall Bremen); Dr. Joachim Steinbrück (Landesbehindertenbeauftragter Bremen); Helga Trüpel (MdEP); Björn Tschöpe (Vorsitzender Fraktion der SPD in der Bremischen Bürgerschaft); Sami Tuncel (Vorsitzender der jesidischen Gemeinde Bremen e.V.); Kristina Vogt (Vorsitzende Fraktion DIE LINKE in der Bremischen Bürgerschaft); Dr. Tim Voss (Referent DGB Bremen-Elbe-Weser); Falk Wagner (Landesvorsitzender Jusos Bremen); Edith Wangenheim (Sprecherin Beirätekonferenz Bremen); Christian Weber (Präsident der Bremischen Bürgerschaft); Bürgermeister a.D. Klaus Wedemeier; Gerd Wenzel (Vorsitzender des Verbandsrates des DPWV

Frederick Franck Warwick USA (Der Druck kann bei mir für 20 Dollar erworben werden)

Mit Frederick Franck, dem Denker, Dichter, Maler, Bildhauer und Freund haben mich die Lust auf Fragen und der Humor, der in den Antworten liegen kann, sehr verbunden. Zusammen mit anderen Freunden haben wir in New York über die Frage: What does it mean to be human? nachgedacht. Daraus ist später ein Buch mit unterschiedlichen Antworten von Menschen geworden, die sich  gefragt haben, was es für sie ganz persönlich bedeutet hat, das Menschsein in schwierigen Zeiten zu üben. Im Skizzenbuch von Frederick Franck findet sich neben vielen anderen die kleine obige Zeichnung mit der Frage, ob der Hund eine Buddha Natur hat. Ähnlich, aber ganz anders stellt der chilenische Literatur- Nobelpreisträger Pablo Neruda in seinem Werk „ Buch der Fragen“ Fragen an das Leben. Wohin gehen die geträumten Dinge? will er wissen. Fragen ohne Antworten- bis an einer Grundschule in Santiago de Chile die Lehrerin Victoria Castro auf die Idee kam, ihren acht- bis neunjährigen Schülerinnen und Schülern diese Fragen zu stellen. Die Kinder gaben die Antworten - und wurden selbst zu Dichtern. Kinder fragen sich und andere ein Loch in den Bauch, warum die Banane krumm ist oder ein Fluss nicht aufwärts fließt, woher sie selbst kommen und wo man landet, wenn man stirbt. Auf die Frage: „ Warum bin ich nicht als Rätsel geboren?“ antworten Kinder: „ Damit man sich nicht den Kopf zerbricht, wenn man mich sieht.“ Oder: „ Weil Gott allem eine Bedeutung gegeben hat.“ Oder: „ Weil Gott dir die Gestalt eines Menschen gab.“  ( Aus: Rainer Oberthür. Die Seele ist eine Sonne Kösel 2000)

Ohne Fragen und das Suchen nach Antworten wären wir und die Welt nicht die, die wir sind. Es hätte keine Entwicklung gegeben. Doch zu viele Menschen fragen heute zu wenig, finde ich. Überall werden wir von Antworten auf Fragen überschwemmt, die wir gar nicht gestellt haben oder die wir einfach  übernehmen. Auf diese Weise verlieren wir den Mut und die Neugier, eigene Fragen an das Leben zu stellen und unseren Antworten zu trauen.

Machen Sie sich mit mir auf die Reise. Fragen an das Leben. Gedanken, Gefühle, Phantasien, Vermutungen. Suchen Sie nach Ihrer Antwort. Erzählen Sie davon, wenn jemand sie fragt, worüber Sie nachdenken. Hier ist die erste Frage und ich werde von Zeit zu Zeit andere stellen.

Die Frage

Am I my soul`s sleeping bag?
Bin ich der Schlafsack meiner Seele?

What does it mean to be human?
Was bedeutet es für Sie persönlich, das Menschsein zu üben?