What does it mean to be human? Was bedeutet es für den einzelnen Menschen, ein Mensch zu sein? Welche Menschenrechte, aber auch Menschenpflichten sind damit verbunden und wie können wir  im Umgang mit uns selbst, mit anderen Menschen und der Welt um uns herum täglich praktizieren, was Albert Schweitzer „ Ehrfurcht vor dem Leben“  und andere die Begabungen des Herzens genannt haben: Neugier, Achtsamkeit, Mitgefühl und Lebensmut

Diese Fragen haben Frederick Franck sein Leben lang bewegt. Er hat seine Antworten gemalt, in Skulpturen umgesetzt und in vielen Büchern zu Papier gebracht. Von ihm, Albert Schweitzer, dem Arzt Viktor von Weizsäcker, den Beiträgen der alten und neuen Wissenschaften, aber auch von meinen indianischen Freunden, ihren Medizinmännern und weisen Frauen, den großen spirituellen Traditionen mit ihren heiligen Büchern und vor allem den vielen Menschen, mit denen ich über ihre Lebensfragen in Krisen sprechen konnte, bin ich bei  meiner Suche nach Antworten beschenkt worden. Mein eigenes Leben war der Lehrmeister, vor dem ich am wenigsten weglaufen konnte und der mich mehr als alles andere angetrieben, aber auch behütet hat.

Das Beste gibt es bei der Geburt umsonst: das Geschenk des nackten Lebens. Ungefragt erblicken wir das Licht der Welt und müssen zunächst nehmen, wie es kommt. Damit wir aus dieser nackten Tatsache aber unser eigenes Leben machen, müssen wir das  darin enthaltene Wunder und die Aufgabe des Lebens verstehen lernen. Leben ist eine Spannungsbeziehung zwischen Geburt und Tod, Lust und Angst, Distanz und Nähe. Bindung und Entbindung. Die menschliche Entwicklung folgt dabei biologischen und universellen Lebensprinzipien und wird von jedem einzelnen Menschen in einer einzigartigen Biografie auf der Basis des Vorgefundenen neu erfunden, gestaltet und umgesetzt. Wer den Traum von einem Leben in eigener Verantwortung verwirklichen will, muss sich mit seinem konkreten Dasein und gleichzeitigem Mitsein mit anderen Menschen anfreunden und lebenslang die Herausforderung annehmen, die sich ihm dabei stellt. Menschliche Existenz ist eine Krisenexistenz. Endlichkeit, Verletzlichkeit und relative Unvorhersagbarkeit verlangen Beständigkeit, Wandel und vor allem die Fähigkeit zur Integration. Leben verspricht nichts, aber es hält viel, wenn wir es liebend und  mutig  trotz aller Widersprüche in die Hände nehmen.

Wie lebt das Leben? Das ist die eine Frage, die mich in meinen Vorträgen, Seminaren und Texten beschäftigt. Und wie können wir unserem Leben auf die Sprünge helfen oder beispringen, wenn es in Not gerät, die andere Frage. Welche Arbeit leisten Körper, Geist und Seele, um uns in unserer biografischen Gestalt zu ermöglichen und mit welchen gesellschaftlichen Gegebenheiten und Gefährdungen müssen sie rechnen? Welchen Sinn macht  Leben und wie gewinnen Menschen das Vertrauen in sich selbst, in andere Menschen und in die Welt, weil sie ohne Vertrauen und Verbundenheit weder wachsen, leben noch über sich hinauswachsen können.

Wie wir diese Verbundenheit wahrnehmen, beschreiben und zu erhalten versuchen, ist sehr unterschiedlich. Großeltern und Eltern haben uns vielleicht  ihre Überzeugungen mitgegeben, gute oder schwierige  Lebenserfahrungen haben uns gestärkt oder verunsichert, Weisheiten aus Literatur, Philosophie und Wissenschaft sind uns auf die eine oder andere Weise wichtig geworden, Unwissen, Irrtümer und Zweifel haben uns veranlasst, unsere jeweiligen Glaubenssätze und Überzeugungen zu überprüfen. Ich habe mich mit 12 Jahren gegen den Willen meiner Mutter taufen lassen, weil ich zufällig ein Buch über Albert Schweitzer und seine Arbeit in Afrika in die Hand bekam. Sein Glaube und die Herausforderung, dem Leben und den Menschen mit Ehrfurcht zu begegnen und es zu schützen, ist zu einer Art Leitbild in meinem Leben geworden.

Nicht zufällig steht vor meinem Haus in Bremen die Replik der Eisen-Skulptur  „St. Francis of Assisi with Birds“ (USA 1998)  des Künstlers Frederick Franck, der als Zahnarzt lange mit Albert Schweitzer in Lambarene gearbeitet hat- und sie bedeutet mir viel. Durch viele Zweifel an der Institution Kirche hindurch fühle mich seit langer Zeit der  franziskanischen Spiritualität und dem Weltbild des Franz von Assisi und Clara von Assisi verbunden und beides hilft mir, mich in den Wirren unserer Zeit spirituell und politisch zu orientieren. Der Sonnengesang ist ein Gebet, das Franz von Assisi im 13. Jahrhundert verfasste. Es preist die Schönheit der Schöpfung, die Ehrfurcht vor dem Leben und vor allem die Geschwisterlichkeit, die alles Lebendige miteinander verbindet und er dankt Gott als dem Schöpfer dafür. Dieser Hymnus gilt als ältestes Zeugnis italienischer Literatur und für mich schafft er wie eine Art übergreifendes „Glaubensbekenntnis“ eine tiefe Verbindung zu den Sinnfragen der Gegenwart und zum Denken vieler Frauen und Männer, die mich  im Laufe meines fast 80 jährigen Lebens auf unterschiedliche Weise in meinem Wissen, meinem Glauben,   meiner politischen Haltung und meinem Handeln als Bürgerin dieses
Landes beinflusst haben.

 „Gott schuf die Welt“ lautet ein Gedicht, in dem der Kapuzinerpater Anton Rotzetter und der Kapuziner Niklaus Kuster ein Schöpfungslied verfasst haben, das für mich den „ Sonnengesang“ auf neue Weise und als einen meiner Leitgedanken lebendig macht.

Gott schuf die Welt
Am Anfang war Gott allein.
Doch kann die Liebe allein
lieben und geliebt werden?

So rief Sie die Erde und den Himmel,
und die Liebe fiel auf die Erde
und sie keimte und grünte zum Himmel.

Sie rief die Sonne und den Mond,
und beide strahlten lichtvoll,
die Sonne am Tag
und der Mond in der Nacht.
Am Anfang war Gott allein.

Sie rief das Wasser-
und es sprudelte belebend in die Täler.

Sie rief das Feuer-
und es loderte leidenschaftlich hinauf.

Sie rief die Luft-
und sie hauchte und wehte zärtlich
geradeso wie es ihr gefiel.

Und dann legte Gott Vögel in die Luft
und sie flatterten durch die Welt.

Er legte Fische ins Wasser
und sie schwammen vom Meer zur Quelle.

Und vielen Landtieren zeichnete die Liebe
Augen, Mund, Nase und Ohren,
damit sie mit einem lieblichen Gesicht
dem Wesen glichen,
das Gott zuletzt mit aller Hingabe formte.

Gott beugte sich tief hinunter zur Erde,
nahm vom Acker eine Handvoll,
schloss die Augen,
um ganz bei sich zu sein,
und begann dann zu kneten
und zu formen,
was er in sich selbst gesehen hatte:

Er gab seine Zärtlichkeit in die Hände
und in die Finger,
und knetete und formte und schaute
und formte und schaute
und schaute und formte
den Menschen.

Als sein Werk ihm gefiel,
küsste er es und hauchte ihm
seinen warmen Atem
liebevoll in den Mund
und ließ seinen Hauch
in alle Glieder strömen,
bis der Mensch sich bewegte
und seine Augen öffnete.

Und der Blick des Menschen
entflammte Gottes Liebe.
Sie schaute in des Menschen Auge,
erkannte ihr Ebenbild
und sagte:

Mensch, teile mit mir
die Liebe, die ich habe
für Sonne und Mond,
für Himmel und Erde,
für Feuer und Wasser,
für Luft und alles, was lebt,
und zu allen Menschen,
die sind und sein werden wie Du!

Dann nahm Gott den Menschen
in seine Arme,
drückte ihn an sein Herz, ganz lange,
und ließ ihn seinen Weg gehen,
menschlich frei.

 

Blumenwiese

 

Hundeglück

 

Renntier mit Kind